Keine Angst vor Bio-Landwirtschaft, Frau Schouten!

Warum häufen sich in den politischen Äußerungen von Landwirtschaftsministerin Carola Schotten jede Menge Nachhaltigkeitsbgeriffe, während das Wort „Bio-Landwirtschaft“ tunlichst vermieden wird? Dabei erfreut sich gerade dieser Sektor bei der niederländischen Bevölkerung großer Beliebtheit. Das kann man so nicht stehenlassen, meinen Volkert Engelsman und Jeroen Smit.

 

 

In 10 Jahren soll ein Viertel der europäischen Landwirtschaft ökologisch sein. Im Mai veröffentlichte die Europäische Kommission eine neue Agrarstrategie, um das europäische Lebensmittelsystem gesünder, sozialer und nachhaltiger für Mensch, Tier und Umwelt zu gestalten – und sprach sich darin eindeutig für die biologische Landwirtschaft aus.

Damit ist Brüssel sehr viel offener als die niederländische Regierung. Ministerin Carola Schouten stellte 2018 eine neue, nachhaltige Vision für die Landwirtschaft vor, die im Wesentlichen die gleichen Ziele verfolgt. Dennoch taucht im gesamten 21-seitigen Dokument das Wort „Bio-Landwirtschaft“ nur ein einziges Mal auf. Schouten entschied sich stattdessen für den Ausdruck „kreislauforientierte Landwirtschaft“.

Auch in der Stickstoffempfehlung der Remkes-Kommission an Ministerin Schouten, ebenfalls für 2030, fällt die Wortkombination „Bio-Landwirtschaft“ nicht einmal. Stattdessen: Kreislaufwirtschaft oder kreislauforientierte Landwirtschaft, nachhaltige Landwirtschaft, naturnahe oder naturorientierte Landwirtschaft, integrierte und emissionsarme Landwirtschaft, bodengebundene Landwirtschaft, multifunktionale Landwirtschaft, angepasste Landwirtschaft, agrarökologische Prinzipien, ökologische Bodenqualitätsverbesserung und Produktionsökologie. Ökologie müsse zum Leitprinzip für die Landwirtschaft der Zukunft werden, heißt es in dem Bericht: „Die Stärkung der ökologischen Kompetenz in den Anbaubetrieben ist entscheidend“.

Ein Angst-Wort
Was ist eigentlich so beängstigend am Wort „biologisch“? Wenn Sie einen Blick auf die von europäischen, nationalen und regionalen Behörden viel zitierten Best-Practice-Beispiele in der Landwirtschaft werfen, werden Sie schnell feststellen, dass drei viertel von Ihnen ökologisch arbeiten. Die renommierte niederländische Universität Wageningen hat diesen „Leuchttürmen“ ein eigenes Projekt gewidmet – und konnte weltweit 11 landwirtschaftliche Betriebe identifiziert, die schon heute bereit für das Jahr 2050 sind: Sie produzieren Nahrungsmittel und Umweltdienstleistungen in einer integral nachhaltigen, innovativen Art und Weise und sind darüber hinaus in hohem Maße wirtschaftlich lebensfähig. Von diesen elf sind sechs Firmen Bio-zertifiziert.

Kreislaufidee
Das ist gar nicht so weit hergeholt: In den siebziger, achtziger und neunziger Jahren, als die übrige westeuropäische Landwirtschaft auf Kunstdünger, Gülle, Agrarchemie, Spezialisierung und Export setzte, war die Bio-Landwirtschaft der Hortus Conclusus, in dem der Kreislauf-Gedanke und die Idee eines integralen Ansatzes leise weiterlebten.

Gründüngung, natürliche Schädlingsbekämpfung, Kompost und andere Techniken, die bei landwirtschaftlichen Beratungsfirmen heute hoch im Kurs stehen, waren schon immer Steckenpferde der ökologischen Landwirtschaft. Nirgendwo sonst wird so wenig Gülle verwendet. Darüber hinaus erfreut sich die biologische Landwirtschaft seit Jahrzehnten wachsender öffentlicher Wertschätzung. Auf diese Weise gelingt es dem Biolandbau, einen zusätzlichen Preis für Nachhaltigkeit zu erzielen – und das in einem Markt, in dem das Externalisieren von Kosten für Mensch und Umwelt belohnt wird.

Leider spiegelt die ausweichende Wortwahl der niederländischen Regierung auch ihre Taten wider: Seit 2011 wird der Bio-Sektor in keiner Weise mehr unterstützt, und auch davor war die Unterstützung mager. Die Bio-Anbaufläche in den Niederlanden liegt mit 4,1% weit hinter dem Rest Europas zurück. Carola Schoutens abstrakte Kreislauf-Vision hat bisher zu keiner Verbesserung geführt. Rosenkohl aus konventionellem Anbau wird immer noch zehnmal pro Jahr mit durchschnittlich drei chemisch-synthetischen Mitteln gespritzt – Bio-Rosenkohl hingegen kein einziges Mal. Landwirte erkranken massiv an der Parkinson-Krankheit. Praktisch alle Forschungsgelder in Wageningen fließen in Projekte, die von agrochemischen Unternehmen mitfinanziert werden.

Umdenken durch Corona
Corona liefert uns nun eine Reihe neuer Argumente für einen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft. Unser Lebensmittelsystem fördert Zivilisationskrankheiten, die unsere Anfälligkeit erhöhen. Durch Corona drohen Hungersnöte, die nichts mit Erträgen pro Hektar zu tun haben – sondern mit fragilen, überdiversifizierten Produktionsketten. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die intensive Landwirtschaft seit 1940 die Hälfte aller Infektionskrankheiten, die von Tier zu Mensch übertragbar sind, verursacht hat.

Wir müssen weg davon, die Erträge und die Produktion immer weiter maximieren zu wollen. Denn als Folge davon wälzt die Landwirtschaft seit Jahrzehnten die Kosten für Klima, Umwelt und Tierschutz als „externe Kosten“ auf andere ab. Doch die anderen – das sind nun plötzlich wir.

Europas Nachhaltigkeits-Knick
Wir fordern Ministerin Schouten auf: nehmen Sie den Begriff „Kreislauf“ beim Wort. Europa sagt uns laut und deutlich, was das in der Praxis bedeutet: 25% Bio-Landwirtschaft bis 2030. Die Niederlande sollen nicht länger Europas Nachhaltigkeits-Knick sein. Europa wird Frau Schouten in Kürze dazu befragen, wie genau sie die niederländische Landwirtshaft innerhalb von 10 Jahren von 4,1 Prozent auf 25 Prozent umstellen will. Dies kombiniert mit einer erheblichen Verringerung des Nutzviehbestands löst gleichzeitig auch die Stickstoffkrise, würde uns Niederländer gesünder machen und der Regierung viel Geld einsparen – wie in einem Forschungsbericht von Ecorys („Betaalbaar Beter Boeren“, 2020) im Januar 2020 berechnet wurde.

Der Bio-Sektor schafft und erhält ökologische und soziale Werte – und verursacht weniger externe Kosten. Ministerin Schouten, bieten Sie unseren Biobauern etwas im Gegenzug. Sorgen Sie mit Bonus-Malus-Regelungen dafür, dass der Bio-Sektor in der Gewinn- und Verlustrechnung nicht mehr benachteiligt wird – denn schließlich übernimmt er mehr Umweltkosten. Für Verbraucher ist der höhere Preis von Bioprodukten manchmal eine Hemmschwelle. Sie können etwas dagegen tun, zum Beispiel, indem Sie die Mehrwertsteuer auf Bioprodukte senken – und so ein gleiches Spielfeld für alle schaffen.

Der Abstand zwischen gesellschaftlicher Erwartung und Realität in der Landwirtschaft ist nirgends in Europa so groß wie in den Niederlanden, wie jüngste Untersuchungen der Universität Wageningen zeigen. Die Verbraucher zeigen uns jedoch seit Jahren, welchen Weg sie gehen wollen. Das Bio-Siegel und das „Beter Leven“-Gütesiegel gewinnen kontinuierlich an Bekanntheit und Verbreitung. Während unsere Regierung das Schoßhündchen der Viehfutter-, Dünge- und Pestizidlobby bleibt.

Frau Schouten, Sie haben noch ein knappes Jahr bis zur nächsten Wahl. Sorgen Sie dafür, dass wir im Jahr 2030 auf die Corona-Krise als Beginn einer zirkulären, nachhaltigen, robusten, integralen, gesunden, multifunktionalen, klimafreundlichen, tierfreundlichen, landschaftsschonenden, kurz: biologischen Landwirtschaft zurückblicken können.

Volkert Engelsman ist CEO von Eosta. Jeroen Smit ist Journalist und Buchautor (De prooi, Het grote gevecht).

Erscheinen in „de Volkskrant“ am 19. Juni 2020

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