Pilotprojekt zu existenzsichernden Löhnen – Mehr als nur Mindestlohn

Eosta, niederländischer Importeur von Bio-Obst und -Gemüse, hat gemeinsam mit IDH - The Sustainable Trade Initiative und Hivos als erstes Handelsunternehmen aus dem Obst- und Gemüsesektor ein Pilotprojekt zu existenzsichernden Löhnen durchgeführt. Am Beispiel kenianischer Bio-Avocadoerzeuger sollte herausgefunden werden, ob Mindestlöhne ein nützliches Konzept zur Verbesserung sozialer Nachhaltigkeit sind. Das Pilotprojekt „Lohn zum Leben“ liefert ein Quick-Assessment-System und zeigt, dass der Fokus auf existenzsichernde Löhne einen verbindenden Effekt entlang der gesamten Lieferkette haben kann.

Am 22. Oktober 2018 berichtete der niederländische Fernsehsender NOS: „Qualitätssiegel helfen armen Plantagenarbeitern kaum“. Denn wie zuvor aus einer Untersuchung der Nichtregierungsorganisation SOMO (The Centre for Research on Multinational Corporations) hervorging, haben Label wie Fairtrade, Rainforst Alliance und UTZ nur wenig bis gar keinen Einfluss auf die Arbeitsbedingungen von Zulieferern in Entwicklungsländern haben. In Wirklichkeit gibt es kein einziges Label oder Siegel, dass eine die Existenz sichernde Entlohnung gewährleistet. SOMO rief deshalb Handel und Erzeuger dazu auf, mehr Eigenverantwortung zu übernehmen.

Unbekanntes Terrain
Ein existenzsichernder Lohn ist ein Lohn, der die Kosten für Lebensmittel, Unterkunft, Kleidung, Bildung und medizinische Versorgung abdeckt - auch ein Notgroschen sollte drin sein. Zwar führen Nichtregierungsorganisationen immer wieder Untersuchungen zu Mindestlöhnen, vor allem in der Textilindustrie, durch – konkrete Maßnahmen bleiben jedoch aus. „Sozial-Zertifikate berücksichtigen im Allgemeinen nur Mindestlöhne“, sagt Gert-Jan Lieffering, QD-Manager bei Eosta. „Und die sind durch die Bank niedriger als existenzsichernde Löhne. Im Obst- und Gemüsehandel sind existenzsichernde Löhne noch unbekanntes Terrain.“

Ansatz für kleine und mittlere Unternehmen
Sonia Cordera, Programmmanagerin bei IDH - The Sustainable Trade Initiative, erklärt: „Die Arbeit mit Eosta zu existenzsichernden Löhnen hat unsere Kenntnisse erweitert, die wir mit anderen Partnern bereits im Tee-, Bananen- und Blumensektor sammeln konnten. Es ist positiv, dass ein Unternehmen wie Eosta mit einer breiten Produktpalette dazu bereit ist, das Konzept existenzsichernder Löhne in der eigenen Lieferkette zu untersuchen – am Beispiel eines Avocadolieferanten aus Kenia. Daraus hervorgegangen ist ein „Quick Assessment“-System, dass sich in Zukunft schnell und einfach auch auf andere Lieferanten und Regionen anwenden lässt.“

Frauen profitieren
Caroline Wildeman, Programmkoordinatorin bei Hivos, weist auf die besondere Bedeutung des Pilotprojektes für die Frauenrechte hin: „In Entwicklungsländern arbeiten Frauen zumeist schlecht bezahlt in der Landwirtschaft. Wenn es um existenzsichernde Löhne geht, sind Frauen die ersten, die davon direkt profitieren. Darum wollen wir gemeinsam mit Eosta unbedingt weiter an diesem Thema arbeiten.“

Mehr als nur messen
Eosta führte das Pilotprojekt gemeinsam mit einem Erzeugerbetrieb von Bio-Avocados in Kenia durch, der mit über 100 Kleinbauern kooperiert. „Die Erkenntnisse daraus will Eosta nicht nur dazu verwenden, um die sozialen Auswirkung der Obsterzeugung zu messen, sondern auch, um sie zu managen, zu vermarkten und zu monetisieren – im Rahmen unserer Vollkosten-Kampagne ‚Was unser Essen wirklich kostet‘“, sagt Volkert Engelsman, Geschäftsführer von Eosta. „Zertifikate und Siegel sind in ihrer Wirkung eingeschränkt, da sie ihre Audits immer erst im Nachhinein durchführen. Als Regisseur über die gesamte Lieferkette hinweg möchte Eosta hier gleich von Anfang an eingreifen!“

Allgemeingültiger Ansatz
Das Pilotprojekt wurde durchgeführt von Nada van Schouwenburg, Koordinatoren für Nachhaltigkeit bei Eosta. „Wir haben mit der Untersuchung begonnen, um einen allgemeingültigen Ansatz zu entwickeln, aber auch, um die Situation in unserer eigenen Lieferkette besser zu verstehen. Eine komplexe Herausforderung – denn es gibt lang nicht für jeden Standort entsprechende Vergleichswerte. Darüber hinaus ist der Begriff ‚Lohn‘ nicht unbedingt auf Bauern anwendbar: Schließlich ist jeder Bauer auch eine Art Unternehmer, der pro Kilo oder pro Stück bezahlt wird. Die Fähig- und Fertigkeiten des Bauern bestimmen zu einem großen Teil seinen Verdienst. Die Bio-Bauern in Kenia erhalten für ihre ökologisch erzeugten Avocados einen um 50% höheren Stückpreis als konventionell arbeitende Bauern. Dafür ist es für Biobauern schwieriger, eine gute Ernte einzufahren – denn die Risiken auf z.B. Schädlingsbefall sind höher.“

Dreißig Bäume Minimum
Das Pilotprojekt machte deutlich, dass nicht alle der Kleinbauern, mit denen der Bio-Avocado-Erzeuger von Eosta kooperiert, mit den Früchten ihren Lebensunterhalt verdienen können. Mindestens 30 Avocadobäume muss ein Landwirt haben, so ergab das Pilotprojekt, um von der Ernte leben zu können. Hat er diese Anzahl nicht, so muss er sich andere Einkommensquellen erschließen. Verschärft wird die Situation dadurch, dass das Land in Kenia sehr fragmentiert ist. Stirbt ein Bauer, wird sein Land unter den Söhnen aufgeteilt – so wird die landwirtschaftliche Nutzfläche pro Bauer immer kleiner.

Existenzsichernder Lohn als Verbindungsglied
Gert-Jan Lieffering von Eosta macht deutlich: „Existenzsichernde Löhne sind nicht im Handumdrehen gelöst, jedoch ist ein Quick-Assessment ideal, um einen Dialog in Gang zu bringen. Das Exportunternehmen muss mit ins Boot geholt werden, und manchmal steht auch die Qualität der Avocados als Problem im Raum. Wenn wir wollen, dass Kleinbauern mehr verdienen, müssen wir den Aufpreis auf dem Markt erzielen – denn wir sind keine Nichtregierungsorganisation. Die Diskussion um existenzsichernde Löhne ist in jedem Fall eine hervorragende Möglichkeit, um die Kettenglieder innerhalb der Lieferkette zu verbinden. Sowohl uns als Importeur, dem Exporteur und den Bauern werden hier enorme Handlungsperspektiven geboten“.

Impuls für ehrliche Preise
Für Volkert Engelsman sind existenzsichernde Löhne auch ein wichtiges Instrument, um die tatsächlichen Kosten von Produkten weiter zu spezifizieren: „Mit unserer Kampagne ‚Was unser Essen wirklich kostet‘ machen wir die sozialen und ökologischen (Folge-)Kosten unserer Nahrungsmittelproduktion sichtbar. Aus unserem 2017er Vollkosten-Pilotprojekt wissen wir, dass die Auswirkungen wirtschaftlichen Handelns auf das soziale Kapital noch weitgehend unbekannt sind. Existenzsichernde Löhne können hier wichtige Anhaltspunkte bieten.“

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