Pestizide: Wie schneidet Bio im Vergleich zu Konventionell ab?

Im ökologischen Landbau werden keine chemisch-synthetischen Pestizide eingesetzt. In der Forschung werden regelmäßig weniger Rückstände auf Bio-Produkte als auf herkömmlichen Produkten gefunden; dies ist auch der Grund, warum sich Babynahrungshersteller generell für Bio-Produkte als Rohstoffe für Ihren Babybrei etc. entscheiden - denn Babys reagieren besonders empfindlich auf die Auswirkungen von Pestizidrückständen. Das heißt jedoch nicht, dass im ökologische Landbau überhaupt nicht gespritzt wird - hier werden aber eben nur biologische Substanzen eingesetzt, die in den Richtlinien zur biologischen Bewirtschaftung ausdrücklich erlaubt sind, wie etwa Pflanzenauszüge und -öle, homöopathische und biodynamische Präparate, oder eingeschränkte Mengen an Kupfer und Schwefel. Chemisch-synthetische Substanzen, wie sie in der konventionellen Landwirtschaft angewendet werden dürfen, sind im Biolandbau aus gutem Grund verboten, da Wirkstoffe in diesen Präparaten ernsthafte Schäden an Umwelt und Gesundheit anrichten können. Jährliche Kontrollen aller Biobetriebe überprüfen die Einhaltung der biologischen Richtlinien und sanktionieren Verstöße. 
Bio-Bauern arbeiten auch mit natürlicher Schädlingsbekämpfung, indem schadbringende Insekten durch die Ansiedelung Ihrer Fressfeinde in Schach gehalten werden (z.B. Schlupfwespen gegen Blatt- und Schildläuse). Auch ausgedehnte Fruchtfolgen und Mischkulturen helfen dabei, den Krankheitsdruck auf Nutzpflanzen zu minimieren.
Im Folgenden wollen wir auf einige Aspekte dieses komplexen Themas näher eingehen.

Mit der chemischen Keule gegen die Umwelt (Quelle: umweltinstitut.org)

In der konventionellen Landwirtschaft werden chemische Pflanzengifte wie zum Beispiel Glyphosat nicht nur zur Unkrautbekämpfung eingesetzt, sondern auch, um beispielsweise den Reifeprozess bei Getreide zu beschleunigen. Pestizide haben nicht nur auf die biologische Vielfalt einen negativen Einfluss, indem sie direkt Organismen abtöten, sondern auch indirekt, indem sie etwa das Nahrungsangebot und den Lebensraum wildlebender Tiere reduzieren. Außerdem werden durch den Einsatz von Pestiziden Anbauweisen gefördert, die ohne Pestizideinsatz nicht funktionieren würden: Monokulturen, kurze Fruchtfolgen oder der Anbau überzüchteter Hybridsorten. 

Da sich Pestizide im Boden (und später auch in unserem Trinkwasser) ablagern, wird zum einen die Bodenfruchtbarkeit aufgrund der Schädigung wichtiger Bodenorganismen beeinträchtigt, zum anderen können die Giftstoffe aber auch über das Wurzelwerk in den Pflanzen selbst landen. Tierische Lebensmittel wie Milch, Fleisch und Eier enthalten daher oft Pestizidrückstände, da die Futtermittel belastetes Pflanzenmaterial beinhalten, sich die Gifte folglich in den Tieren anreichern und letztendlich auf unserem Teller landen. Auch durch eine allgemein zunehmende Umweltverschmutzung finden sich die Stoffe in Gewässern wieder oder belasten Obst und Gemüse, gefährden also somit die Umwelt und unsere Gesundheit. Der ökologische Landbau hingegen zeigt, dass es auch ohne Einsatz von chemisch-synthetischen Wirkstoffen geht.

Ich will aber keine Raupen in meinem Salat finden

Die Zeiten, als man noch Raupen im Bio-Salat fand, sind lange vorbei. In den Anfangsjahren der Bio-Landbaubewegung ähnelten viele Bio-Produkte hässlichen Entlein: innen hui, außen pfui. Zu dieser Zeit wurde mit so heftigen Schädlingsbekämpfungsmitteln hantiert, dass man lieber 10 Raupen statt eines konventionellen Salatblatts verspeisen konnte. Inzwischen hat sich der Bio-Sektor in hohem Maße professionalisiert und gilt als Innovator, wenn es um nachhaltige Landwirtschaftspraktiken geht - viele von ihnen werden übrigens auch im Nachhinein von der konventionellen Landwirtschaft übernommen. Bio-Produkte sind heute innen und außen hui! Und begegnet Ihnen doch einmal ein kleines Tierchen: durch Abwaschen lässt es sich leicht entfernen. Agrarpestizide hingegen nicht.

Pflanzen beinhalten doch auch von Natur aus Giftstoffe


Es stimmt, dass einige Pflanzen natürliche Giftstoffe enthalten, um Fressfeinde abzuwehren. Pflanzen aus der Familie der Nachtschattengewächse wie Tomaten, Kartoffeln und Auberginen bilden zum Schutz Bitterstoffe aus - sogenannte Steroide Glykaloide (SGA). 
In Kartoffeln kommen diese Stoffe (v.a. Solanin und Chaconin) besonders häufig in der Schale vor. Da sie erst durch Lichteinfall entstehen, sind Keime und deren Ansatzstellen (“Augen”) gute Indikatoren. Der hohen Toxizität (die tödliche Dosis liegt bei 3–6 mg/kg Körpergewicht) von diesen Glycoalkaloiden kann man vorbeugen, indem man Kartoffeln schält und Keime sorgfältig entfernt. Und noch ein Tipp: Kartoffeln in der Schale kochen, danach pellen, so bleiben die wertvollen Mineralien und Vitamine in der Kartoffel. Wie bereits Paracelsus schon sagte: Die Dosis macht das Gift. Durch Kochen bzw. Blanchieren werden auch die natürlichen Giftstoffe in Bohnen (Phasine oder Lektine) zerstört. Bohnen also niemals roh essen! Bei Blattgemüse und Salaten große Blattrippen, die Stiele und die äußeren Blätter entfernen oder nur Gemüse aus eigenem Anbau oder biologischem Landbau verwenden. Pflanzen bilden aus Nitrat im Boden Eiweiße. Fehlt das Licht, wird das Nitrat gespeichert. Unser Körper wandelt es dann bei der Verdauung in Nitrit und die gefährlichen Nitrosamine um.
Auch in Fenchel, Radieschen, Rettich, Spinat, Sellerie, Lauch, Rhabarber und Kohlsorten ist von Natur aus viel Nitrat enthalten. Dieses Gemüse am besten blanchieren oder kochen und das Kochwasser weggießen.
Moderne Pflanzensorten werden außerdem so gezüchtet, dass sie keine natürlichen Giftstoffe mehr enthalten. 
Unser Körper hat im Laufe der Evolution gelernt, mit diesen natürlichen Abwehrstoffen (in einem üblichen Maß) umzugehen. Das gilt jedoch nicht für chemisch-synthetische Gifte: diese sind uns im Laufe der Evolution nie zuvor begegnet und ihre Langzeitfolgen sind unabsehbar.

Können wir nicht allen von der EU zugelassenen Mitteln blind vertrauen? 

In Europa wird der Einsatz von Pestiziden (Herbizide, Insektizide, Fungizide) von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (European Food Safety Authority, kurz EFSA) kontrolliert. Hier beschäftigt man sich mit wissenschaftlicher Forschung. Es sollte jedoch beachtet werden, dass wissenschaftliche Erkenntnisse manchmal hinter den Fakten zurückbleiben und dass die Industrie viele dieser wissenschaftlichen Berichte steuert und beeinflusst. Die Chemielobby ist eine der größten und einflussreichsten Lobbys in Brüssel, mit einem Budget von mehreren Millionen Euro. EU-Beamte nehmen Dienste und Gefallen oft und gerne in Anspruch. Im besten Fall wird die wissenschaftliche Objektivität der Forscher hierdurch nicht beeinflusst. Entscheidungsprozesse hingegen schon.

Zugelassen und dennoch schädlich - Teil 1: Neonicotinoide 

Die Neonicotinoide - kurz auch „Neonics“ genannt - zählen heute zu den meistverkauften Insektiziden weltweit. Anfang der 90er Jahre brachte der Bayer-Konzern das erste Insektizid dieser Gruppe auf den Markt. Die Landwirte waren damals dankbar, endlich ein wirksames Mittel gegen eine ganze Reihe von Schädlingen zu haben. Die Neonics werden eingesetzt gegen den Maiswurzelbohrer, gegen den Rapsglanzkäfer. Im Apfelanbau gegen Läuse. Ebenso beim Hopfen, bei Getreide, im Weinbau oder bei Zuckerrüben. Die Neonics können nicht nur versprüht, sondern vor allem zur Vorbehandlung des Saatgutes eingesetzt werden, beim sogenannten „Beizen“.  Das Saatgut ist quasi mit einer giftigen Schutzhülle ummantelt. Lange waren die Neonics ein Verkaufsschlager, doch 2008 passierte etwas Verheerendes: Im baden-württembergischen Rheintal starben massenhaft Bienen, 11.500 Völker wurden ausgelöscht. Die Ursache war bald gefunden: Gebeizter Mais. Das Saatgut wurde mit einer sehr hohen Dosis eines Neonikotinoids behandelt. Da nicht sachgerecht gebeizt worden war, entstand beim Ausbringen eine Staubwolke aus Insektengift, die sich überall verteilte. Eine Studie ergab, dass die Neonics für Bienen 5.000mal giftiger sind als das Supergift DDT. Deutschland zog damals die Zulassung für acht Produkte zurück. Obwohl die Neonics seit fast vier Jahren nur noch stark eingeschränkt verwendet werden dürfen, ist der Gesamtabsatz in Deutschland und Europa nicht zurückgegangen. In Deutschland wurden allein im Jahr 2015 mehr als 200 Tonnen reiner Wirkstoff an Landwirte abgegeben. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat die Gefahr von Neonicotinoiden für Honig- und Wildbienen in einer neuen Risikobewertung bestätigt. In Frankreich hat man eine nationale Lösung angekündigt: Dort sind ab September 2018 alle Neonicotinoide im Freiland verboten. Bis 2020 soll es allerdings Ausnahmeregelungen gegen.

Zugelassen und dennoch schädlich - Teil 2: Glyphosat


Glyphosat ist weltweit einer der am häufigsten eingesetzte Wirkstoffe von Breitband- bzw. Totalherbiziden. Und auch Glyphosat ist heftig umstritten. Pflanzen nehmen es über die Blätter auf und sterben dann ab, weil Glyphosat ein Enzym hemmt, das fürs Pflanzenwachstum nötig ist. Deutsche Landwirte versprühen Glyphosat bevorzugt im Zeitraum der Aussaat. Es vernichtet dann das Unkraut auf den Feldern und schafft Platz für die Nutzpflanzen. Zusätzliche setzen Bauern genetisch veränderte Nutzpflanzen ein, die gegen Glyphosat resistent sind. Das ermöglicht es, auch während der Wachstumsphase der Nutzpflanzen große Mengen Glyphosat zu spritzen. Das ist zum Beispiel in Südamerika beim Anbau von Soja als Futtermittel für Nutztiere eine gängige Praxis. 
In Argentinien fanden sich vermehrt Missbildungen bei Neugeborenen aus Dörfern, die an gespritzte Sojafelder grenzen. Außerdem erkrankten dem Pflanzengift ausgesetzte Personen häufiger an Lymphdrüsenkrebs. Allerdings scheiden sich die Geister bei der Frage, ob das am Glyphosat, an anderen verwendeten Pestiziden oder unbekannten weiteren Faktoren liegt. Im März 2015 stufte die WHO mit Berufung auf die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ ein. Später wurde diese Risikobewertung z.T. wieder revidiert. „Vor allem Getreide und getrocknete Hülsenfrüchte wie Erbsen und Linsen enthielten Glyphosatrückstände“, sagt Andreas Tief vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Auch in Bier lässt sich laut dem Umweltinstitut München e.V. Glyphosat finden - die höchsten gemessenen Werte überschritten den gesetzlichen Grenzwert für Trinkwasser stark, teilweise fast um das 300-fache. Glyphosat-Rückstände, die im Urin und in der Muttermilch gefunden wurden, zeigen: Glyphosat ist inzwischen auch in unserem Körper angekommen. Wer für sich persönlich die Aufnahme dieses umstrittenen Pflanzengifts verringern möchte, kann auf Lebensmittel aus ökologischem Anbau ausweichen. Biogetreide enthält höchstens dann minimale Herbizidrückstände, wenn das Mittel durch den Wind vom Nachbarfeld herübergeweht wurde. Und auch in Bioobst und -gemüse fand die baden-württembergische Lebensmittelüberwachung hundertmal weniger Rückstände von Pflanzenschutzmitteln als bei konventionellem Anbau.
Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) will nun die Verwendung von Glyphosat in der Landwirtschaft einschränken und nur noch gegen Problemunkräuter, zur Erosionsvermeidung und bei Gefahr eines Ernteverlustes erlauben. Privatleute sollen Glyphosat nicht mehr verwenden dürfen. Ein Totalverbot wird seit langem diskutiert und von einer breiten Öffentlichkeit gefordert, auf EU-Ebene konnte man sich hierzu aber noch zu keiner klaren Position durchringen. Einer massiven Agrarchemie-Lobby in Brüssel sei „Dank“.
 

Cumulative effects not included in risk assessment

Anyone in the Netherlands who eats in accordance with the guidelines of the national Nutrition Centre ingests 20 types of pesticides a day. These approved products should not be a health hazard if they are used in agriculture responsibly. In the case of glyphosate, this is already highly controversial. However, the European risk analyses do not take the cumulative effects into account: certain pesticides may not cause any harm to humans if exposed below the standard; however, it is quite possible that the cumulative effect of several pesticide residues, that are each below the standard, will be harmful when taken together. In addition, fruit and vegetables containing residues in excess of the permitted standard are regularly found on samples. EFSA is working on new ways of taking cumulative effects into account, but so far these have not been put into practice.

Major risks for children and foetuses

Research shows that children up to the age of 7 are much less resistant to pesticides. Until recently, it was thought that the immune system from the age of 2 years was strong enough to process small amounts of pesticides, but this age limit has now been extended to 7 years. Exposure to pesticides can lead to developmental delays and health problems in children. Furthermore, in rural areas with a lot of chemical agriculture, children have an increased risk of birth defects.

Wie sieht diese EU-Lobby aus?

Schätzungsweise 25.000 Lobbyisten mit einem Jahresbudget von 1,5 Milliarden Euro nehmen in Brüssel Einfluss auf die EU-Institutionen. Etwa 70 Prozent von ihnen arbeiten für Unternehmen und Wirtschaftsverbände. Die Agrarlobby ist dabei besonders stark vertreten; agrochemische Unternehmen geben Millionen Euro dafür aus, um die negativen Effekte ihrer Mittel zu relativieren und natürliche Mittel in Misskredit zu bringen bzw. Genehmigungsverfahren zu blockieren. So kommt es, dass ganze Absätze der Europäischen Gesetzgebung aus den Händen von Lobbyisten stammen. Das sei nicht ausschließlich negativ zu bewerten, so die gängige Auffassung, schließlich könnten sich die EU-Beamten nicht in allen Bereichen auskennen - in diesem Fall werde dann gerne auf Lobbyisten zurückgegriffen, um sich mit allen „relevanten“ Informationen zu versorgen. Dass diese Informationen nicht unbedingt eine objektive Sachlage widerspiegeln, kann sich wohl jeder vorstellen. Diese Interessenvertreter genießen denn auch einen privilegierten Zugang zu den Kommissaren - also denjenigen, die Rechtsvorschriften ausarbeiten und diese anschließend dem Europäischen Rat und dem Europäischen Parlament vorlegen.

EU-Gesetzgeber und Lobbyisten: Partnerschaft mit bitterem Beigeschmack

Dass parteiische Einflussnahme bei der neuerlichen EU-Bewertung von Glyphosat eine Rolle gespielt haben könnte, zeigt auch eine aktuelle Veröffentlichung von „Corporate Europe Observatory“, eine Nichtregierungsorganisation für die Lobby-Kontrolle in Brüssel. Nach ihren Erkenntnissen haben europäische Glyphosat-Hersteller an der Schlussfassung des Berichtes der EFSA mitgewirkt. Und die erklärte Glyphosat im November 2015 für „wahrscheinlich nicht krebserregend“.
Der Toxikologe Peter Clausing hat gemeinsam mit dem Statistik-Experten Christopher Portier für das Pestizid Aktions Netzwerk (PAN) die wissenschaftliche Würdigung von Glyphosat durch die EU-Institutionen ECHA und EFSA intensiv gesichtet und kommt zu dem Ergebnis, das deren Einstufung des Wirkstoffs als „nicht krebserregend“ falsch sein dürfte. „Sie liegen falsch, weil sie ihre eigenen Regeln missachtet haben, weil sie existierende Dosisabhängigkeit bei den Studien negieren, weil sie die Wiederholbarkeit der Befunde gleichen Typs bei verschiedenen Studien abstreiten, obwohl sie nachweisbar sind und weil sie sogenannte ‚historische Kontrollen’, die sie in gravierend falscher Weise anwenden, ins Feld führen, um die existierenden Befunde abzuschwächen und zu negieren. Da die Behörden so eindeutig im Sinne der Industrie argumentiert haben, ist unser Verdacht, dass sie politischen Vorgaben gefolgt sind, dass die EU-Kommission gesagt hat, Glyphosat ist ein derart wichtiges Herbizid, wo die Landwirtschaft der EU dran hängt, wo das Geschäftsmodell von Monsanto dran hängt, wo auch der Ruf der Behörden dran hängt, dass - egal wie viele Befunde für Krebs sprechen - Glyphosat unbedingt wieder zugelassen werden muss“, so Clausing. (Quelle: Deutschlandfunk.de)

‚Grüne’ Pflanzenschutzmittel: auch nicht viel besser?

Nach Angaben des niederländischen Zentrums für Landwirtschaft und Umwelt (CLM) werden „grüne“ Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmittel wie Nützlinge und Pflanzenextrakte im Allgemeinen schneller abgebaut und verursachen weniger Umweltschäden als chemische Pestizide. Biologische Wirkstoffe sind in der Regel aus verschiedenen Wirkstoffen zusammengesetzt, weswegen Insekten weniger schnell eine Resistenz gegen eine bestimmte Substanz entwickeln, das Bekämpfungsmittel also weniger schnell überholt ist. Immer mehr (konventionelle) Landwirte sind offen für Alternativen zu Glyphosat & Co. und wollen biologische Substanzen aus dem Öko-Anbau verwenden. Für diese als Biocontrol bezeichneten Verfahren gibt es inzwischen einen großen kommerziellen Markt. Der biologische Pflanzenschutz ist vorrangig präventiv und auf die Stärkung der Pflanzen und der Nutzorganismen z.B. im Boden ausgerichtet, erst sekundär sind direkte Maßnahmen gegen Schaderreger vorzunehmen. In Gewächshäusern und Obstplantagen beispielsweise ist die Praxis der integrierten Schädlingsbekämpfung bereits weit verbreitet: Dabei versucht man, Pflanzenschädlingen durch die Wahl der richtigen Bedingungen von vornherein das Leben schwer zu machen, so dass Pestizide gar nicht erst nötig werden.

Ungefährliche biologische Pestizide blockieren

Durch die europäische Gesetzgebung ist es leider schwieriger geworden, Substanzen zu verwenden, von denen jeder vermutet, dass sie unbedenklich sind - wie Milch, Bier oder Grüne Seife. Paprika-Produzenten verwenden seit jeher Milch bei der Ernte: indem sie Ihre Hände und Werkzeuge in Milch tauchen, verhindern sie, dass Viren durch den Pflanzensaft von einer Pflanze auf die nächste übertragen werden. In den Niederlanden, aus denen viele unserer Gewächshauspaprika stammen, gab es bis vor ein paar Jahren eine Vereinbarung, die diese Art der risikoarmen biologischen Schädlingsbekämpfung erlaubte. Diese Vereinbarung stand jedoch nicht mehr mit der im Jahr 2011 erlassenen Europäischen Pflanzenschutzverordnung im Einklang, durch die es seither viel schwieriger geworden ist, Substanzen mit geringem Risiko zu erlauben oder bestehende Zulassungen zu verlängern. „Es ist unbegreiflich, warum man Knoblauch- und Hefeextrakt zwar essen, sie aber nicht zum Pflanzenschutz auf dem Acker verwenden darf“, sagt Annie Schreijer-Pierik, seit Juli 2014 Mitglied des Europäischen Parlaments für den niederländischen Christen Democratisch Appèl (CDA). 

Gesetzgebung benachteiligt extensive und nachhaltige Lösungen

Unverkennbar waren hier die Finger der agrochemischen Industrie mit im Spiel. Dank Lobbyarbeit wird die Gesetzgebung beeinflusst und dazu instrumentalisiert, kleine Mitbewerber aus dem Markt zu drängen. Nachhaltige, klein- und mittelständische Innovatoren werden konstant blockiert - sie können sich weder „Interessenvertreter“ in Brüssel leisten, noch die oft langwierigen Antrags- und Genehmigungsverfahren in der EU finanziell überbrücken. Nicht umsonst sind 150 Anwaltskanzleien in der Brüsseler Lobby aktiv; große Unternehmen nutzen das Gesetz, um den Status Quo zu bewahren. Per Gesetzgebung schaffen sie ein Umfeld, in dem kleine Spieler keine Chance mehr haben. Die Folgen davon sind seit Jahren für kleine Bio-Saatgutzüchter spürbar, und jetzt auch für all die Landwirte, die natürliche Pestizide nutzen wollen. Die Entwicklung, Erforschung und Nutzung biologischer und im Ökolandbau seit langem bewährter Substanzen und Verfahren wird somit erschwert oder sogar verhindert. Denn: mit natürlichen Mitteln lässt sich nichts verdienen, sie werden nicht durch Patente geschützt. Chemische Verbindungen wie Glyphosat hingegen schon. Wer ein neues Mittel zulassen will, muss teure Zulassungsverfahren bezahlen, ohne dafür im Anschluss - im Falle der nicht-geschützten Bio-Wirkstoffe - Einnahmen aus Nutzungsrechten zu erhalten. In der Praxis können daher fast ausschließlich nur noch große Unternehmen wie BASF, Bayer, Monsanto und Syngenta neue Produkte entwickeln und auf den Markt bringen; eine sehr bedenkliche Situation unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit. 

Bio-Pflanzenschutzmittel können auch schädlich sein

„Grüne“ Unkraut- und Schädlingsbekämpfungsmittel sind in den allermeisten Fällen sicher für Mensch und Umwelt, aber eben nicht immer. Obwohl der Bio-Landbau mit insgesamt viel weniger Pestiziden, Herbiziden und Insektiziden auskommt, gibt es doch auch einige Substanzen, die Risiken für das Ökosystem bereithalten können. Dennoch sollte man sich immer darüber im Klaren sein, dass das Arsenal, aus dem Bio-Landwirte per Gesetz wählen dürfen, viel begrenzter ist als im konventionellen Anbau. Dennoch ist der Bio-Anbau nicht „clean“. Zum Beispiel Pyrethrum, ein Extrakt aus Chrysanthemen: Reiche Kaufleute und Kreuzritter streuten sich im Mittelalter die getrockneten Blüten des Kreuzblütlers als Pulver ins Haar, um sich Flöhe und Läuse vom Leib zu halten. „Pyrethrum ist für Insekten giftig“, sagt Hans Hummel, Professor für Organischen Landbau an der Universität Gießen. „Aber für Menschen ist es ungefährlich.“ Der ökologische Landbau bescherte dem einstigen Hausmittel eine Renaissance. In Kenia ist Pyrethrum neben Kaffee und Tee ein Hauptexportprodukt. Auch die Nachbarstaaten Tansania und Ruanda bauen die weißblühende Pflanze in Höhenlagen an. Das kroatische Dalmatien ist ebenfalls in den Handel eingestiegen. 20 000 Tonnen Blüten pflücken Erntehelfer jedes Jahr. Rund 500 Tonnen Extrakt für den Ökolandbau entstehen daraus. Allein in Kenia verdienen sich 200 000 Familien in der Chrysanthemenproduktion ein paar Dollar, um Essen und Schulgeld bezahlen zu können. Ein durch und durch nachhaltiges Geschäft, so hat es den Anschein. Doch das Öl aus den schönen Blüten hat keinen astreinen ökologischen Fingerabdruck. Die Chrysanthemen werden nicht etwa biologisch angebaut. Herbizide halten die Felder von Unkraut frei. Sogenannte Organophosphate schützen die Blumen vor Motten und anderen Schädlingen, die sich, obwohl die Pflanze ein Insektengift produziert, an den mehrjährigen Blumen zu schaffen machen. Ein europäischer Importeur formuliert es so: „Bei der Anzucht und der Ernte werden keine Pflanzenschutzmittel eingesetzt.“ Aber dazwischen eben schon. Es sei widersinnig, räumt Hummel ein, dass ausgerechnet die Produktion eines Biopestizids chemische Spritzmittel erfordert. (Quelle: wissenschaft.de)

Vielversprechend: Effektive Mikroorganismen statt Chemie


In der biologischen Landwirtschaft weiß man es schon lange: Pflanzen und Bakterien bilden eine Gemeinschaft, von der beide profitieren. Hauptakteur ist dabei der Boden: ein ausgeklügeltes Ökosystem und ein Mikrokosmos an Bakterien, Viren und Schimmelpilzen - die, so winzig sie auch sein mögen, eine wichtige Rolle spielen für die Gesundheit unseres Planeten und unserer Nahrungsmittel. Eine ausbalancierte Artenvielfalt im Boden bringt allerlei symbiotische Prozesse hervor, die eine für Pflanzen optimale Lebensgrundlage schaffen. Sowohl in der Landwirtschaft auch in der Medizin wächst seit Jahren das Interesse an den Mikroben unter unseren Füßen - und die Einsicht, dass sie eine entscheidende Rolle dabei spielen könnten, unsere Nutzpflanzen widerstandsfähiger und weniger anfällig für Krankheiten und Schädlinge zu machen. Oder anders gesagt: wächst eine Pflanze auf einem ausgelaugten Boden, hat sie Fressfeinden etc. wenig entgegenzusetzen. 
Bei Effektiven Mikroorganismen - auch bekannt unter der Abkürzung EM - handelt es sich um eine spezielle, flüssige Mischung aus mikroskopisch kleinen Lebewesen. Effektive Mikroorganismen werden beispielsweise durch Blattspritzungen oder durch regelmäßiges Gießen dem Boden zugeführt und sorgen dort für eine Bodenverbesserung und infolgedessen auch für gesündere, leistungsfähigere Pflanzen. EM kommen ebenso häufig beim Kompostieren zum Einsatz, wo sie den Zersetzungsprozess fördern. Auch Agrochemie-Konzerne wie Bayer sehen hier inzwischen einen lukrativen Markt und setzen „optimierte“ Bakterienstämme z.B. in der Saatgutbehandlung ein.

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