Kann Bio die Welt ernähren?

In den letzten Jahren gab es eine starke Lobby, die behauptete, dass die ökologische Landwirtschaft nicht die Welt ernähren könnte. Das ist unsinnige Hypothese. Erstens ist die Idee einer 100-prozentigen ökologischen Landwirtschaft so weit von der derzeitigen Realität entfernt, dass es vergleichbar damit ist, über das Leben auf dem Mars zu reden. Zweitens gibt es viele Studien und politische Berichte, die das Gegenteil beweisen. Ein Bericht der Vereinten Nation für Umweltprogramme von 2008 weist zum Beispiel darauf hin, dass bei 114 Projekten in 24 afrikanischen Ländern die Einführung von ökologischen Landwirtschaftsprinzipien die Ernten verdoppelt hat.

Verteilung und Abfall

Viele Menschen sind davon überzeugt, dass die Ursache für den Hunger der Welt nicht in der Form der Produktion zu finden ist, sondern in der schlechten Verteilung und der Verschwendung von Lebensmitteln. 2006 erklärten die Vereinten Nationen durch den Berichterstatter Jean Ziegler, dass die Welt genug produziert, um 12 Milliarden Menschen zu ernähren. Laut Schätzungen werden 30 bis 50 % der produzierten Nahrung weggeschmissen. Zusätzlich wird eine große Menge der landwirtschaftlichen Produktion ineffizient als Brennstoff und Rinderfutter benutzt. Seit Beginn der industriellen Landwirtschaft, ist die Nahrungsmittelproduktion immens gestiegen, aber der Hunger auf der Welt hat Schritt gehalten. Zurzeit leiden eine Millarde Menschen unter Hunger, während gleichzeitig eine Milliarde Menschen übergewichtig sind. Viele Hungersnöte treten in Ländern auf, die ihre heimische Landwirtschaftpolitik für Jahrzehnte vernachlässigt haben, oft durch den Druck der internationalen neoliberalen Politik. Hunger auf der Welt ist in erster Linie eine wirtschaftliche und politische Angelegenheit.

Laut Statistiken des Landwirtschaftsministerium der Vereinigten Staaten (USDA) beträgt der Anbau von Getreide inklusive Reis 0,791 Kilogramm pro Weltbürger – ausgehend von 9 Milliarden. Beziehen wir uns auf die Forscher der Universität von Pennsylvania, die es etwas konservativer einschätzen, kommen wir zu folgendem Ergebnis: eine Produktionssteigerung von 26 % seit 2014 würde genügen um 2050 um 9 Milliarden Menschen zu ernähren. Mehr erfahren Sie auch hier. (Der Artikel ist nur auf Niederländisch verfügbar, bitte den Browser “Chrome” benutzen).

Hunger auf der Welt ist in erster Linie eine wirtschaftliche und politische Angelegenheit.

Der Unterschied bei der Ernte zwischen Bio und Konventionell

Die ökologische und konventionelle Landwirtschaft haben Ertragsunterschiede pro Fläche. In westlichen Ländern ist der Ertrag der ökologischen Landwirtschaft geringer als der konventionelle Ertrag. Verglichen mit der Subsitenzlandwirtschaft in Ländern der Dritten Welt, hat die ökologische Produktion allerdings deutlich höhere Erträge. Unser Ziel sollte nicht sein, das höchste Produktionsniveau auf Kosten zukünftiger Generationen zu erreichen, sondern eine ausreichende Produktion auf nachhaltigem Weg zu erzielen. 2007 publizierte der Wissenschaftler C. Badgley von der Michigan University die folgenden Ergebnisse einer Modellpoduktion pro Acker: 

  • In Europa und Nordamerika: Mit guten Anbaubedingungen und unter der vorraussetzung eines hohen Einsatzes von Kunstdünger und Pestiziden lag der Ertrag des ökologischen Anbaus bei 60 bis 100 % des konventionellen Anbaus, abhängig von der Getreideart.
  • In der Zweiten Welt, den sogenannten Schwellenländern: Unter moderaten Anbaumethoden und dem vorausgesetztem irregualren Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden lag der Ertrag von ökologischem Anbau bei 92 bis 100 % des konventionellen Anbaus, abhängig von der Getreideart.
  • In der Dritten Welt, den sogenannten Entwicklungsländern: Unter den ungünstigen Anbaubedingungen, mit geringem Input, in den Bereichen der Subsistenzlandwirtschaft, lag der Ertrag von ökologischem Anbau bei 100 bis 180 % des konventionellen Anbaus.

Laut Badgley et al. (2007) wüchse die ganze weltweite Produktion um 32%, wenn die ganze Welt zu modernen ökologischen Methoden überginge. – wegen des Produktionsanstiegs in den Subsistenzgebieten. Badgley ist von A. Avery, einem Verfechter des konventionellen Anbaus, stark kritisiert worden. Badgley antwortete detailliert auf seine Kritik.

Wissenschaftliche Abwägung

2009 veröffentlichte der IAASTD den 600-Seiten Bericht „Landwirtschaft am Scheideweg”. Nicht weniger als 400 Wissenschaftler haben an dieser Studie mitgewirkt. Ein kurzer (aber immer noch umfangreicher) Auszug wird hier bereitgestellt. Der Bericht erklärt, dass der derzeitige industrielle Ansatz, welcher zu Bodendegradation und der Ausschöpfung an Ressourcen führt, nicht in der Lage sein wird, 2050 eine Welt mit neun Milliarden Menschen zu ernähren. Der Bericht plädiert dafür, agro-chemische Pestizide durch ökologische Lösungen zu ersetzen, dem Ökosystem Wert beizumessen und die ökologischen Techniken zu verbessern. Der Bericht vermerkt, dass es eine einseitige Sicht auf die wachsende Produktion gab und dass wir jetzt einen systemorientierten Ansatz mit einem nachhaltigen Ressourcenmanagement brauchen. 

Wissenschaft: Nature, 2017

Eine weltweite Umstellung auf biologischen Landbau funktioniert, wenn sie mit weiteren Maßnahmen kombiniert wird. So gilt es etwa, den hohen Konsum tierischer Produkte zu reduzieren, weniger Kraftfutter in der Tierhaltung einzusetzen und Nahrungsmittelabfälle zu vermeiden. Ein solches Ernährungssystem hat positive Auswirkungen auf wichtige Umweltaspekte wie Treibhausgasemissionen, Überdüngung und Pestizidverbrauch – und führt trotz biologischer Bewirtschaftung nicht zu einem höheren Landverbrauch. Dies belegt die Studie „Strategies for feeding the world more sustainably with organic agriculture“ des Forschungsinstituts für biologischen Landbau FiBL, die 2017 in der renommierten Fachzeitschrift „Nature Communications“ publiziert wurde. Nachhaltige Landwirtschaft ist demnach nur möglich, wenn sie in Kombination mit dem Konsum gedacht wird – dann aber eröffnen sich vielversprechende Möglichkeiten und Lösungen für viele unserer heutigen Probleme. Der biologische Landbau kann dabei eine zentrale Rolle spielen.

Der derzeitige industrielle Ansatz, welcher zu Bodendegradation und der Ausschöpfung an Ressourcen führt, wird nicht in der Lage sein, 2050 eine Welt mit neun Milliarden Menschen zu ernähren

Nachhaltigkeit auf lange Sicht

Ökologische Landwirtschaft kann die Böden und die Biodiversität wiederherstellen, die durch die konventionelle Landwirtschaft degradiert wurden. Die Monokulturen des chemisch-inudstriellen Ansatzes hängen von der endlichen Reserve fossiler Brennstoffe ab und bringen ein großes Risiko für die Lebensmittelsicherheit mit sich. Langfristig ist es unumgänglich, dass natürliche Ressourcen bewahrt werden, um die Welt zu ernähren. Das bedeutet, dass wir eine erhaltende Landwirtschaft mit geschlossenen Nährstoffkreisläufen und ökologischen Landwirtschaftstechniken brauchen. Abgesehen von der Nahrungssicherheit gibt es Vorteile wie die Gesundheit der Landwirte, bessere Wasserspeicherung im Boden, weniger Klimaschäden sowie eine höhere Biodiversität und Nahrungsmittelsouveränität von Nationen und Menschen.

Wirtschaftliche Ertragsgefälle

2009 erklärte ein FAO-Report, dass ökologische Landwirtschaft trotz geringerer Produktion pro Fläche immer noch profitabler ist als konventionelle Produktion. Das ist das Ergebnis eines Literaturüberblicks über 50 Studien. Ökologische Landwirtschaft erfordert mehr Wissen und Arbeitskraft, aber kostengünstigerer Betriebsmittel. Das passt gut zu der Situation in ärmeren Gesellschaften, wo gewöhnlich genügend Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, aber ein Mangel an Betriebsmitteln herrscht. Ökologische Techniken sind daher eine perfekte Kombination mit selbsttragender Landwirtschaft. Studien der brasilianischen Professorin Irene Cardoso zeigen, dass brasialinische Kaffeebauern einen signifikanten Anstieg ihres Gewinns erzielten, als sie von konventionellen zu ökologischen Methoden wechselten. Die Kaffeeproduktion ging leicht zurück, aber im Gegenzug sanken ihre Kosten und ihr Einkommen durch sekundären Produkte stieg an. Abgesehen von einem gesünderen und angenehmeren Lebenstil führt dies also auch zu einem höheren Einkommen.

50 % Bio wäre bereits spektakulär

Eine komplette weltweite Umstellung zu ökologischer Landwirtschaft ist ein unrealistisches Szenario in den anstehenden Jahrzehnten. Im Moment macht die weltweite zertifizierte ökologische Produktion 1 % der Gesamtproduktion aus. Das International Food Policy Research Institute (IFPRI) (Halberg et al., 2007) betrachtete die Effekte der Umstellung von konventionellem zu ökologischem Anbau in vielen Teilen der Welt. Entsprechend der Studie hätte eine 50-prozentige Umstellung in Europa und Nordamerika einen kleinen Effekt auf die Lebensmittelproduktion in diesen Ländern. Für die Subsahara hätte eine 50-prozentige Umstellung einen potentiellen Anstieg der Lebensmittelproduktion zur Folge. 

Für die Subsahara hätte eine 50-prozentige Umstellung einen Anstieg der Lebensmittelproduktion zur Folge

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